„Die tödlichste Außengrenze der Welt“

Andi Krahl (rechts) hat mit seinen Schilderungen teilweise große Betroffenheit ausgelöst. Fotos: Bündnis 90/Die Grünen

Im vollbesetzten Sportheim in Parkstein berichtete MdL Andreas Krahl auf Einladung der Kreisverbände Neustadt und Weiden von Bündnis 90/Die Grünen anschaulich, beeindruckend und emotional fordernd von seinen Einsätzen als First Medical Officer, dafür prädestiniert als Anästhesie- und Intensiv-Krankenpfleger sowie Rettungssanitäter, auf dem Seenot-Rettungsschiff Sea-Eye 4. Er begann seinen Vortrag mit der klaren Aussage, dass „das Mittelmeer die tödlichste Außengrenze der Welt“ sei. 

Die 500 Kilometer lange Zentral-Fluchtroute über das Mittelmeer, so Krahl, beginne in Libyen, da alle anderen nordafrikanischen Länder ihre Grenzen nach Zentralafrika abgeriegelt hätten. Libyen auch deshalb, weil von dort der Seeweg nach Italien am kürzesten sei. Allerdings gebe es in Libyen keinerlei funktionierende staatliche Strukturen. Dort seien 900.000 Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, die aber wegen der schlechten Sicherheitssituation nicht möglich sei. 700.000 Menschen nützten Libyen als Transitland. Das UNHCR stelle regelmäßige und strukturelle Menschenrechtsverletzungen fest, unter anderem auch Folterungen in den Internierungslagern. 

Seit der Beendigung des Seenot-Rettungsprogrammes „Mare Nostrum“ 2014 würden die finanziellen europäischen Mittel, also auch unsere Steuergelder, an die sogenannte „Libysche Küstenwache“ umgelenkt, die, davon mit Waffen ausgerüstet, auf Flüchtlinge in 12 Kilometern Entfernung von der Küste schieße oder auch Warnschüsse abgebe, sobald sich die Sea-Eye 4 nähere. 

25.000 ertrunkene Menschen seit 2014

Die Flüchtlinge führen in einfachen, meist seeuntüchtigen und völlig überladenen Ruderbooten mit Außenbordmotor von Tripolis aus mit einem einfachen Kompass Richtung Norden immer geradeaus. Seit 2014 seien nachweislich 25.000 Flüchtlinge ertrunken, 2022 gab es über 2.400 Todesfälle, in 2023, belegt durch die laufende Statistik, werde definitiv die 3.000-Marke überschritten, die Dunkelziffer, so Krahl, sei nicht bekannt. 

Das Rettungsschiff Sea-Eye 4, Baujahr 1972, sei ursprünglich für die Offshore-Versorgung in Nord- und Ostsee gebaut worden, was zur Folge habe, dass die Heizung, auch in den Kojen, permanent laufe, was bei einem Einsatz im Mittelmeer nicht unbedingt angenehm sei. Das Schiff habe Kapazität für 400 Gerettete und verfüge über zwei Küchen und ein Hospital. Für einen vierwöchigen Rettungseinsatz würden 32 Tonnen Proviant an Bord genommen. 

Vier Wochen ehrenamtlicher Rettungseinsatz

Die Besatzung bestehe aus 25 Personen, davon drei professionellen Nautikern, drei Ingenieuren, drei ausgebildeten Seemännern und drei Personen der medizinischen Crew, eine speziell mit Kenntnissen in Frauen- und Geburtsmedizin, vorzugsweise Hebamme, eine für Allgemein- und eine für Notfall- und Intensivmedizin. Alle anderen Besatzungsmitglieder seien Ehrenamtliche. 

Der Alltag an Bord bestehe in erster Linie aus Trainingseinheiten für Sicherheits- und medizinische Belange. Ein Rettungseinsatz dauere vier Wochen, was bedeute, dass Flüchtlinge, die bereits in der ersten Woche an Bord genommen würden, den weiteren Einsatz begleiten müssten, was verständlicherweise gelegentlich zu gewissen Spannungen führe. Auch das oft tagelange Warten auf eine Landungserlaubnis in Sichtweite des Festlandes sei für viele Flüchtlinge teils unerträglich. Immerhin befänden sich diese Menschen in einer psychischen Ausnahme- und Trauma-Situation. 

Die reine Überlebenschance als Motivation

Ausschau nach Flüchtlingsbooten werde mit Radarunterstützung tatsächlich per Fernglas gehalten, wobei das stundenlange Beobachten der Wasserlinie am Horizont zu den unterschiedlichsten Problemen führe. Manchen würde dabei übel, er selbst, so Krahl, werde total müde dabei. Werde ein Flüchtlingsboot entdeckt, kämen die beiden schnellen Beiboote zum Einsatz. Auf einem Beiboot fänden inklusive Besatzung neun Personen Platz, eines bleibe immer beim Flüchtlingsboot, das andere übernehme den Transport zum Rettungsschiff. Anhand eines Bildes verdeutlichte der Referent die lebensbedrohliche Situation für die Flüchtlinge: Das Ruderboot war deutlich kleiner als das Neun-Personen-Beiboot, aber mit 47 Personen besetzt. Viele der Geretteten könnten ihr Glück, diese Reise überlebt zu haben, kaum begreifen. „Aber“, so habe einmal ein Überlebender zu ihm gesagt, „in Libyen werde ich sicher sterben, auf der Flucht habe ich eine Überlebenschance.“ Also versuche man, den geretteten Menschen an Bord ein paar glückliche Stunden und ein Gefühl höchster Sicherheit, auch mit Hilfe einer einfachen Tischtennisplatte, zu vermitteln.

Nach Beendigung des Einsatzes warteten auf die Besatzung Putz-, Dokumentations- und Inventardienste. So müssten zum Beispiel auf Anforderung der italienischen Behörden einfache Medikamente wie Vomex gegen Reiseübelkeit vor und nach der Reise genauestens gezählt und deren Verbleib während der Fahrt dokumentiert werden, genauso wie Ibuprofen oder Cetirizin, alles Medikamente, die man bei uns in jeder Apotheke frei käuflich erwerben könne. Dies sei „einfach nur reine Schikane“. 

Zu guter Letzt sei Rost, Rost und nochmals Rost zu entfernen – bei einem Schiff von 53 Metern Länge immerhin 30 bis 34 Kilogramm! 

Keine Zahlungen mehr an „Libysche Küstenwache“

Abschließend stellte Andreas Krahl eindeutige Forderungen an die Politik, auch in Bayern: Die Herstellung sicherer Fluchtrouten sei unabdingbar; die UNHCR-Programme in Libyen müssten unbedingt wiederaufgenommen werden, immerhin gebe es dort eine Deutsche Botschaft; ein bayerisches Aufnahmeprogramm könne jederzeit erstellt werden; eine unabhängig Länderentscheidung zur Aufnahme von Schiffsflüchtlingen sei verfassungsrechtlich möglich; eine sofortige Einstellung der Zahlungen an die sogenannte „Libysche Küstenwache“ sei zwingend erforderlich. Eine letzte Forderung war, „uns unseren Job machen zu lassen“ ohne immer neue bürokratische Vorschriften, Hemmnisse und angedrohte Repressalien. 

Gruppenbild mit Andi (2.v.r.): Parksteins Grünen-Sprecherin Sonja Reichold, Kreissprecher Harald Neumann, Landtags-Direktkandidatin Laura Weber, Bezirksrätin Gabi Bayer, Bezirkstagskandidat Ali Zant (von links).

In der anschließenden Diskussion stellte er heraus, dass man einerseits natürlich die Fluchtursachen soweit möglich abstellen müsse, andererseits „dürfen wir aber gleichzeitig die Menschen nicht im Mittelmeer ertrinken lassen“. Er zeigte sich überzeugt, dass Kriege weltweit niemals ganz zu verhindern seien und die Klimaveränderungen mit Hungersnöten und Wassermangel die Menschen rein aus Überlebenswillen auch zukünftig in die Flucht trieben. 

„Im vollen Bewusstsein der Gefahren“

Auf Nachfrage erläuterte er, dass die Flüchtlinge im vollen Bewusstsein der Gefahren den Weg über das Mittelmeer auch weiterhin anträten, selbst wenn keine Rettungsschiffe mehr im Einsatz seien. Er stellte klar heraus, wie verzweifelt die Menschen sein müssten und wie bedroht an Leib und Leben, wenn selbst Frauen im neunten Schwangerschaftsmonat die Reise anträten. Bei jedem seiner Einsätze habe er Geburten an Bord miterleben dürfen. 

Natürlich, so war Krahl sich mit einer Diskussionspartnerin einig, dürften Hilfe und Unterstützung für die Geflüchteten nach Verlassen des Schiffes nicht aufhören. Sprachkurse, Integrationskurse, Hilfestellung bei behördlichen Anforderungen und vieles mehr seien politische Aufgaben, die der Staat nicht auf Ehrenamtliche abwälzen dürfe. Im gelungenen Fall würden aus den „Boatpeople“ wertvolle Arbeitskräfte, wobei er z. B. auch Lastwagenfahrer durchaus, so Krahl, zu den Fachkräften zähle. 

Auch die Presse hat über die Veranstaltung berichtet: OTV, OberpfalzEcho

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